Montag, 12. September 2016

Kollegengespräche - Nietzsches Kämpfe

Vielen Dank, Simon Reiss, für die experimentelle essaiistische Antwort, die erneut mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert.

Ich bin mir nicht sicher, ob Nietzsche tatsächlich Ideale hatte, wenn, waren sie sicher kämpferischer Natur in der Gestalt, dass er sich  gegen Ideale und der daraus resultierenden Macht auflehnte. Beschreibt er nicht schon im Zarathustra, dass der Mensch, der alle Antworten (für sich) gefunden zu haben scheint,  sich als Übermensch sieht, doch lediglich als Lehrer auftritt und damit scheitert, weil sein Wort von jedem anders verstanden wird und jeder eigene Antworten benötigt?

Versucht Nietzsche nicht viel mehr, uns damit zu konfrontieren, uns freigeistig fern von Ideologien zu bewegen und uns mit unseren Schattenseiten zu konfrontieren, die uns im Angesicht der Ideologie verborgen bleiben und dazu führen, dass sie überraschend als unkontrolliertes Böses aus uns hervorpreschen können, wenn Ideale nicht mehr die Vernunft tragen können, wie z.B. bei Hungersnöten oder im Krieg?  Können wir nicht nur dann zu wahreren Werten emporklimmen, wenn wir uns der Schattenseiten der Menschen im allgemeinen und unser eigener bewusst werden, sie nicht durch Ich- oder Weltideologien ausblenden?

"Du solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden. Früher waren "sie" deine Herren;aber sie dürfen nur deine Werkzeuge neben anderen Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt über dein Für und Wider bekommen und es verstehn lernen, sie aus- und wieder einzuhängen, je nach deinem höheren Zwecke. Du solltest das Perspektivische in jeder Wertschätzung begreifen lernen - die Verschiebung, die Verzerrung und scheinbare Teleologie der Horizonte und was alles zum Perspektivischem gehört; auch das Stück Dummheit in bezug auf entgegengesetzte Werte und die ganze intellektuelle Einbuße, mit der sich jedes Für, jedes Wider bezahlt macht. Du solltest die "notwendige" Ungerechtigkeit in jedem Für und Wider begreifen lernen, die Ungerechtigkeit als unablösbar vom Leben, das Leben selbst als "bedingt" durch das Perspektivische und seine Ungerechtigkeit ..." (Vorrede zu Menschliches, Allzumenschliches, 6)

Hier steht Nietzsche ganz entgegengesetzt zu Hobbes, der in seinem Levethian fordert, dass alle Bürgerrechte abgegeben werden sollen an den Souverän, der die alleinige Entscheidungs- und Schutzmacht inne haben soll. Eine Idealisierung des Absolutismus, die Nietzsche niemals gebilligt hätte, lehnte er doch jede Macht ab, die mit Entmündigung des eigenen Geistes einhergeht. (Anm.: Die Kritik zu Levethian entnehme ich lediglich Kommentaren, gelesen habe ich ihn nicht).

Ich denke auch nicht, dass Nietzsche affektive Reaktionen schätzt, er stellt lediglich fest, dass sie dem Menschen eigen sind, zumindest vor der Umwertung der (eigenen) Werte, die von Kirche, Staat und Moral vorgegeben werden, hierzu ein Zitat aus Menschliches, Allzumenschliches:

Grausame Menschen als zurückgeblieben. - Die Menschen, welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen "früherer Kulturen" gelten, welche übrig geblieben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind zurückgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortbebildet worden ist. Sie zeigen uns, was wir alle waren und machen uns erschrecken: aber sie selber sind sowenig verantwortlich, wie ein Stück Granit dafür, dass es Granit ist. In unserem Gehirne müssen sich auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen, wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an Fischzustände finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer Empfindungen wälzt.

Nietzsches Leben war geprägt von Niederungen, denen er sich durch seine Erkrankung immer wieder stellen musste, aus dem gefesselten, geknebelten Ich  ging jedoch nach der Befreiung von Krankheitsschüben auch immer sein freies Denken hervor, seine Fähigkeit alle Werte und auch die eigenen Tugenden zu hinterfragen. Mit den eigenen Schwärmereien und Idealen ging er hart ins Gericht (Wagner, Schopenhauer), auch mit den Idealen seiner Herkunft (er stammte aus einer Priesterfamilie). Selbst den eigenen Stärken begegnete er argwöhnisch.

Das permanente Hinterfragen der eigenen Werte, des eigenen Glaubens, der eigenen Schattenseiten, der Perspektiven, der Hierarchien, der Mächtigen, kann durchaus Angst machen, stellt es doch nicht nur die Welt auf den Kopf, sondern auch die eigene Person. Das Neuordnen ist mühsam und kostet Zeit, bequemer ist es sicher, sich selbst und die normativen Werte seiner Zeit und/oder seiner Gemeinschaft zu idealisieren oder sich ihnen wenigstens anzupassen.

Dass jeder Mensch den Kampf mit den Abgründen in sich immer mal wieder zu spüren bekommt, bewegt bei weitem nicht alle, sich mit diesem auch auseinanderzusetzen, dazu gibt es in unserer Zeit zu viele Möglichkeiten, ihn nach außen zu transportieren und zu transformieren, seien es kriegerische Computerspiele, künstliche Feindbilder, Shitstorms im Internet und vieles mehr. Hier ist Nietzsches Glaube, Europa sei zu einem freien Geist fähig, noch weit entfernt.




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