Montag, 5. September 2016

Kollegengespräche - Nietzsche, Macht und Erotik - Nietzsche und Faschismus? - 2

Herzlichen Dank an Simon Reiss für die einleitenden Worte zu den Kollegengesprächen.

Simon hat einige Fragen aufgeworfen mit denen ich mich auch noch näher befassen will, zunächst möchte ich mich aber zu seiner Anmerkung äußern, dass einige in Nietzsche den Wegbereiter des Faschismus sehen. Hierbei handelt es sich meiner Ansicht nach um Menschen, die sich weder mit Nietzsches Werken, noch mit seiner Biographie jemals ernsthaft auseinandergesetzt haben. Nietzsche war ein Wegbereiter der Aufklärung, er kritisierte sämtliche Ideologien, seien es philosophische oder religiöse, er öffnete die Augen für Doppelmoral und falsch verstandenen Humanismus, Philosophen, die machtkonform schrieben ...

Nietzsches sogenanntes Hauptwerk "Der Wille zur Macht" aber, auf das sich bei den Unterstellungen, Nietzsche sei ein Wegbereiter des Faschismus gewesen, bezogen wird,  hat nicht er, sondern seine Schwester Elisabeth geschrieben.

Elisabeth pflegte nach dem Bruch Nietzsches zur Familie Wagner Kontakt zu dem Antisemiten Bernhard Förster. Sie unterstütze eine Antisemitenpetition durch Förster an Bismarck, der jedoch die Annahme der Petition verweigerte.
In einem Brief an seinen Freund Overbeck schreibt Nietzsche über die Verbindung seiner Schwester zu dem Antisemiten Förster: „...die verfluchte Antisemiterei ... ist die Ursache eines radikalen Bruches zwischen mir und meiner Schwester." (Leibzig-Lese)

1885 heiratet Elisabeth Förster, Nietzsche nahm an der Hochzeit nicht teil.

Nachdem die Siedlung der arischen Rasse in Paraguay, in die sich das Paar Förster zurückzog, finanzielle Probleme bekam, beging Förster Selbstmord.

Ab 1889 lebte Nietzsche bis zu seinem Tod (1900) in geistiger Umnachtung. 1894 riss Elisabeth Förster-Nietzsche alle Rechte seines Nachlasses an sich und editierte sie, unwissenschaftlich und selbstherrlich.

Ein Jahr nach dem Tod des Bruders veröffentlichte Elisabeth das angebliche Hauptwerk Nietzsches "Der Wille zur Macht", das sich später als Fälschung Elisabeths herausstellte. Nietzsche selbst hatte nur wenige Zeilen in diesem Buch verfasst, die Elisabeth nach eigenem Ermessen erweiterte und ausschmückte. Auch Briefe fälschte sie. Auf das Werk Elisabeths ist es zurückzuführen, dass Nietzsche in Verruf geriet und ihm eine Nähe zum Faschismus unterstellt wurde.

Aber im Gegensatz zu den falschen Behauptungen brach Nietzsche sogar familiäre Beziehungen ab, nachdem Elisabeth sich zum Antisemitismus bekannte. Ideologien, noch dazu menschenverachtende waren Nietzsche ein Greuel.

Dazu noch ein Zitat aus Menschliches, Allzumenschliches, 43

Grausame Menschen als zurückgeblieben. - Die Menschen, welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen "früherer Kulturen" gelten, welche übrig geblieben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind zurückgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortbebildet worden ist. Sie zeigen uns, was wir alle waren und machen uns erschrecken: aber sie selber sind sowenig verantwortlich, wie ein Stück Granit dafür, dass es Granit ist. In unserem Gehirne müssen sich auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen, wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an Fischzustände finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer Empfindungen wälzt. 

Quellen: http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=492
Der Wille zur Macht

Vor zu: Nietzsche und Frauenverachtung?
Zurück zur: Einleitung

Blog-Archiv

Follower