Montag, 16. Januar 2017

Nietzsche: der Körper - Wutbürger - die Vernunft und der Übermensch



In der Mann mit der Laterne (Die fröhliche Wissenschaft) zeigt Nietzsche auf, was es für die Menschen bedeutet, wenn sie Gott einfach töten, er weist auf die Gefahren hin, wenn Gott als Führer und Sinnstifter fehlt, auch wenn er nur ein abgespaltenes Ich-Ideal des Menschen war, menschlich konstruiert, mit menschlichen Eigenschaften versehen, der Ge- und Verbote vorgab. 

Entgegen Kant behauptet Nietzsche, es gäbe keine Vernunft ohne Einbeziehung des Körpers, der eine übergeordnete Vernunft schaffen wollte, die man durch das Denken alleine erreichen könne, die es aber für Nietzsche nicht gab, da hier lediglich der Körper dem Geist unterworfen werden sollte. 

Die tatsächliche autonome Menschwerdung (Übermensch) durchläuft laut Nietzsche drei Entwicklungsstufen: die des Kamels als Herdentier, das sich an ein Leittier anpasst, die des Löwen, der brüllend ohne sinnstiftende Werte ins Nichts fällt, nachdem er sich von den Werten der Kamelstufe losgesagt hat, ohne noch zu verstehen, dass er selbst Werte und einen Sinn für das eigene Leben entwickeln muss, erst auf der dritten Stufe, der des Kindes, verlässt der Mensch die Tierstufen, um eigene Werte, eine eigene Vernunft und einen eigenen Sinn zu entwickeln. 

Dieser neue Mensch, der aus eigener Kraft Werte, Vernunft und Sinnstiftung seinem Leben gegeben hat, ist nach Nietzsche der neue autonome Mensch, der individuell und auch spielerisch kreativ sein Leben gestalten kann. Erst der selbstbestimmte Mensch, der keine Führung von oben oder eine Diktatur des Geistes über den Körper mehr benötigt, sondern eine eigene Vernunft entwickelt hat, hat die Menschwerdung erreicht, die Tierstufen (Kamel und Löwe) überwunden; Nietzsche bezeichnet den autonomen Menschen als Übermenschen. Der Übermensch hat also die Herrschaft über den eigenen Geist und Körper gewonnen, ohne das eine oder andere zu leugnen oder den einen dem anderen zu unterwerfen, er hat eine eigene Vernunft entwickelt und ist der Dirigent seines eigenen Lebens, benötigt hierfür keine Ideologie und keinen Leithirten mehr.

Im Grunde entsprechen Nietzsches Entwicklungsstufen der Menschwerdung auch den groben Stufen einer gesunden Entwicklung in der Psychologie: in der Kindheit lernt das Kind sich führen zu lassen und sich anzupassen (Kamel), in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter wirft es alle Werte, die Vernunft und Sinnstiftungen, die von Eltern und der Gesellschaft vorgegeben waren um und tobt erst einmal scheinbar Sinn frei durchs Leben, erst wenn alle Werte umgestoßen, ausgetestet, neu beleuchtet wurden, neu gestaltet oder doch als richtig empfunden wurden, tritt der Mensch ins Erwachsenenalter ein mit einer selbstbestimmten Lebensweise und eigenen Vernunft.

Laut Nietzsche erreichen aber nur sehr wenige Menschen die Entwicklungsstufe 3 der Menschwerdung (Erwachsenenalter, bei N.: das Kind) des autonomen Menschen (Übermenschen), sondern fallen immer wieder auf frühere Entwicklungsstufen zurück, die des Kamels oder die des Löwen.

Durch Nietzsches Philosophie der Menschwerdung (Übermensch, Umwertung der Werte) lassen sich gut die neuen Entwicklungen in den westlichen Ländern, auch das Aufkommen von rechten Bewegungen erklären: Durch den Mauerfall wurden der ostdeutschen Bevölkerung die sozialistischen Werte genommen. Das war zunächst kein Problem, da die Bevölkerung für demokratische Werte offen war, der Osten befand sich im Aufbruch zu neuen Werten, also im Übergang zur Menschwerdung (laut Nietzsche). Durch die Agenda 2010 Gerhard Schröders wurden aber sozialdemokratische Werte weitgehend abgeschafft wie angemessenes Einkommen, Würde des Menschen, freie Berufswahl pp., die Werte verschoben sich zugunsten des Kapitals und waren nur wenigen Eliten zuträglich. Der Arbeiter wurde wieder vom Bürger zur Ware degradiert und zwischen Zeitarbeitsfirmen, Jobcenter, Maßnahmen und verschiedenen Arbeitgebern hin- und hergeschoben, an dem alle Beteiligten verdienten, nur der Arbeiter selbst konnte von seinem Gehalt nicht mehr angemessen leben. Auch die Mittelschicht geriet in Gefahr und bekam nur noch selten feste Arbeitsverträge, angemessene Entlohnungen oder Verbeamtungen.

Lange befand sich die Bevölkerung hier in der Kamelphase (Anpassung, Gehorchen (Kindheit)), um die Wirtschaftskraft des Landes zu unterstützen.

Nachdem die Wirtschaft sich erholt hatte und die Bürger merkten, dass sie von dem großen Kuchen weiterhin nichts abbekamen, sondern allenfalls mit Almosen abgespeist wurden (z.B. Mindestlohn, einige Strafbeschränkungen der Jobcenter pp.) befindet sich ein großer Teil der Bevölkerung, der die Kindphase (Übermensch) noch nicht erreicht hat, in der Löwenphase: orientierungslos, ohne Wertekontext stampfen sie wutentbrannt durchs Land und versuchen die restlichen demokratischen Werte auch noch zu vernichten durch rechte menschenverachtende Parolen. Irrwitziger Weise ziemlich genau 13-14 Jahre nach Einführen der Agenda 2010, zur gleichen Zeit, in der sich ein Mensch in der Pubertät befindet und ein ähnliches Verhalten an den Tag legt.

Fatalerweise entwickeln die Menschen aber keine eigenen neuen Werte und Ziele, um die Menschwerdung abzuschließen, sondern fallen in die Kamelphase zurück, in der sie durch die Orientierungslosigkeit der Löwenphase, leichtes Opfer für Hassprediger und rechte Gruppierungen werden, denen sie sich kritiklos anschließen.

Hier können wir wohl nur mit Nietzsche hoffen, dass möglichst viele von ihnen die Menschwerdung mit der Entwicklung neuer Werte und Vernunft noch vollziehen und aus den wütenden, menschenverachtenden Leuten, autonome, individuelle Menschen werden.

Quellen: Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Menschliches - Allzumenschliches, Zur Genealogie der Moral

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Existentialismus und Psychose



Wenn sich das Phänomen als „transzendent“ offenbaren soll, muß das Subjekt selbst die Erscheinung auf die totale Reihe transzendieren, von der sie ein Glied ist ...
Das Objekt verweist nicht auf das Sein wie auf eine Bedeutung: es wäre z.B. unmöglich, das Sein als eine „Anwesenheit“ zu definieren – da ja auch die „Abwesenheit“ das Sein enthüllt, da nicht „da“ sein ja immer noch sein ist. (Sartre, Das Sein und das Nichts, S.12/S.15)  

Hier ist einer der Haken in der psychotischen Wahrnehmung zu finden. Nach der Geburt bedeutet die Abwesenheit der Bezugspersonen für den Säugling zunächst, dass sie ihr Da-Sein aufgegeben haben. Dass die Eltern lediglich abwesend sind, nicht tot oder aus der Welt verschwunden, lernt ein Kind erst durch das wiederholte zuverlässige Auftauchen der Bezugspersonen nach ihrer Abwesenheit. Ist das Erscheinen der Bezugspersonen nicht bedürfnisgerecht (wenn der Säugling durch Schreien signalisiert, dass er etwas benötigt), unkontrolliert oder mit emotionaler/geistiger Abwesenheit, also ohne Kontaktaufnahme, verbunden, kann ein Säugling in Folge nicht lernen, dass es das Sein gibt, bzw. wie das Sein oder das Phänomen für andere aussieht, riecht, sich anhört oder anfühlt. Es  entwickelt sich in Folge zu etwas Zweifelhaftem, seine Existenz wird in Frage gestellt, so reift das Sein zu etwas Veränderbarem heran, da es auf keine totale Reihe transzendiert werden kann, es kann übersehen, geleugnet oder neu erfunden werden (Wahn, Halluzinationen).

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