Donnerstag, 1. Dezember 2016

Existentialismus und Psychose



Wenn sich das Phänomen als „transzendent“ offenbaren soll, muß das Subjekt selbst die Erscheinung auf die totale Reihe transzendieren, von der sie ein Glied ist ...
Das Objekt verweist nicht auf das Sein wie auf eine Bedeutung: es wäre z.B. unmöglich, das Sein als eine „Anwesenheit“ zu definieren – da ja auch die „Abwesenheit“ das Sein enthüllt, da nicht „da“ sein ja immer noch sein ist. (Sartre, Das Sein und das Nichts, S.12/S.15)  

Hier ist einer der Haken in der psychotischen Wahrnehmung zu finden. Nach der Geburt bedeutet die Abwesenheit der Bezugspersonen für den Säugling zunächst, dass sie ihr Da-Sein aufgegeben haben. Dass die Eltern lediglich abwesend sind, nicht tot oder aus der Welt verschwunden, lernt ein Kind erst durch das wiederholte zuverlässige Auftauchen der Bezugspersonen nach ihrer Abwesenheit. Ist das Erscheinen der Bezugspersonen nicht bedürfnisgerecht (wenn der Säugling durch Schreien signalisiert, dass er etwas benötigt), unkontrolliert oder mit emotionaler/geistiger Abwesenheit, also ohne Kontaktaufnahme, verbunden, kann ein Säugling in Folge nicht lernen, dass es das Sein gibt, bzw. wie das Sein oder das Phänomen für andere aussieht, riecht, sich anhört oder anfühlt. Es  entwickelt sich in Folge zu etwas Zweifelhaftem, seine Existenz wird in Frage gestellt, so reift das Sein zu etwas Veränderbarem heran, da es auf keine totale Reihe transzendiert werden kann, es kann übersehen, geleugnet oder neu erfunden werden (Wahn, Halluzinationen).

Montag, 21. November 2016

Herrscher der Massen - Opfer der Massen

Die soziale Täuschung herrscht heute auf allen Ruinen, die die Vergangenheit auftürmte, und ihr gehört die Zukunft. Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, leicht ihr Opfer.
(Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, Die Meinungen und Glaubenslehren der Massen, S. 106)

Die Führer der Massen

Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und könnten auch nicht anders sein, da der Scharfblick im Allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit führt. Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reizbaren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns befinden. So abgeschmackt auch die verfochtene Idee und das verfolgte Ziel sein mag, gegen ihre Überzeugung wird alle Logik zunichte. Verachtung und Verfolgung stört sie nicht oder erregt sie nur noch mehr. Persönliches Interesse, Familie, alles wird geopfert. Sogar der Selbsterhaltungstrieb ist bei ihnen ausgeschaltet, und zwar in solchem Maß, dass die einzige Belohnung, die sie oft anstreben, das Martyrium ist. Die Stärke ihres Glaubens verleiht ihren Worten eine große suggestive Macht. Die Menge hört immer auf den Menschen, der über einen starken Willen verfügt. Die in der Masse vereinigten Einzelnen verlieren allen Willen und wenden sich instinktiv dem zu, der ihn besitzt. (Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, Die Führer der Massen und ihre Überzeugungsmittel, S.112)

Montag, 12. September 2016

Kollegengespräche - Nietzsches Kämpfe

Vielen Dank, Simon Reiss, für die experimentelle essaiistische Antwort, die erneut mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert.

Ich bin mir nicht sicher, ob Nietzsche tatsächlich Ideale hatte, wenn, waren sie sicher kämpferischer Natur in der Gestalt, dass er sich  gegen Ideale und der daraus resultierenden Macht auflehnte. Beschreibt er nicht schon im Zarathustra, dass der Mensch, der alle Antworten (für sich) gefunden zu haben scheint,  sich als Übermensch sieht, doch lediglich als Lehrer auftritt und damit scheitert, weil sein Wort von jedem anders verstanden wird und jeder eigene Antworten benötigt?

Versucht Nietzsche nicht viel mehr, uns damit zu konfrontieren, uns freigeistig fern von Ideologien zu bewegen und uns mit unseren Schattenseiten zu konfrontieren, die uns im Angesicht der Ideologie verborgen bleiben und dazu führen, dass sie überraschend als unkontrolliertes Böses aus uns hervorpreschen können, wenn Ideale nicht mehr die Vernunft tragen können, wie z.B. bei Hungersnöten oder im Krieg?  Können wir nicht nur dann zu wahreren Werten emporklimmen, wenn wir uns der Schattenseiten der Menschen im allgemeinen und unser eigener bewusst werden, sie nicht durch Ich- oder Weltideologien ausblenden?

"Du solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden. Früher waren "sie" deine Herren;aber sie dürfen nur deine Werkzeuge neben anderen Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt über dein Für und Wider bekommen und es verstehn lernen, sie aus- und wieder einzuhängen, je nach deinem höheren Zwecke. Du solltest das Perspektivische in jeder Wertschätzung begreifen lernen - die Verschiebung, die Verzerrung und scheinbare Teleologie der Horizonte und was alles zum Perspektivischem gehört; auch das Stück Dummheit in bezug auf entgegengesetzte Werte und die ganze intellektuelle Einbuße, mit der sich jedes Für, jedes Wider bezahlt macht. Du solltest die "notwendige" Ungerechtigkeit in jedem Für und Wider begreifen lernen, die Ungerechtigkeit als unablösbar vom Leben, das Leben selbst als "bedingt" durch das Perspektivische und seine Ungerechtigkeit ..." (Vorrede zu Menschliches, Allzumenschliches, 6)

Hier steht Nietzsche ganz entgegengesetzt zu Hobbes, der in seinem Levethian fordert, dass alle Bürgerrechte abgegeben werden sollen an den Souverän, der die alleinige Entscheidungs- und Schutzmacht inne haben soll. Eine Idealisierung des Absolutismus, die Nietzsche niemals gebilligt hätte, lehnte er doch jede Macht ab, die mit Entmündigung des eigenen Geistes einhergeht. (Anm.: Die Kritik zu Levethian entnehme ich lediglich Kommentaren, gelesen habe ich ihn nicht).

Ich denke auch nicht, dass Nietzsche affektive Reaktionen schätzt, er stellt lediglich fest, dass sie dem Menschen eigen sind, zumindest vor der Umwertung der (eigenen) Werte, die von Kirche, Staat und Moral vorgegeben werden, hierzu ein Zitat aus Menschliches, Allzumenschliches:

Grausame Menschen als zurückgeblieben. - Die Menschen, welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen "früherer Kulturen" gelten, welche übrig geblieben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind zurückgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortbebildet worden ist. Sie zeigen uns, was wir alle waren und machen uns erschrecken: aber sie selber sind sowenig verantwortlich, wie ein Stück Granit dafür, dass es Granit ist. In unserem Gehirne müssen sich auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen, wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an Fischzustände finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer Empfindungen wälzt.

Nietzsches Leben war geprägt von Niederungen, denen er sich durch seine Erkrankung immer wieder stellen musste, aus dem gefesselten, geknebelten Ich  ging jedoch nach der Befreiung von Krankheitsschüben auch immer sein freies Denken hervor, seine Fähigkeit alle Werte und auch die eigenen Tugenden zu hinterfragen. Mit den eigenen Schwärmereien und Idealen ging er hart ins Gericht (Wagner, Schopenhauer), auch mit den Idealen seiner Herkunft (er stammte aus einer Priesterfamilie). Selbst den eigenen Stärken begegnete er argwöhnisch.

Das permanente Hinterfragen der eigenen Werte, des eigenen Glaubens, der eigenen Schattenseiten, der Perspektiven, der Hierarchien, der Mächtigen, kann durchaus Angst machen, stellt es doch nicht nur die Welt auf den Kopf, sondern auch die eigene Person. Das Neuordnen ist mühsam und kostet Zeit, bequemer ist es sicher, sich selbst und die normativen Werte seiner Zeit und/oder seiner Gemeinschaft zu idealisieren oder sich ihnen wenigstens anzupassen.

Dass jeder Mensch den Kampf mit den Abgründen in sich immer mal wieder zu spüren bekommt, bewegt bei weitem nicht alle, sich mit diesem auch auseinanderzusetzen, dazu gibt es in unserer Zeit zu viele Möglichkeiten, ihn nach außen zu transportieren und zu transformieren, seien es kriegerische Computerspiele, künstliche Feindbilder, Shitstorms im Internet und vieles mehr. Hier ist Nietzsches Glaube, Europa sei zu einem freien Geist fähig, noch weit entfernt.




Kollegengespräche - Nietzsche und kämpferische Ideale

Aphorismen:Nietzsche schätzt kämpferische Ideale (vgl. "Also sprach Zarathustra: Von der Ehe ", die Rollenverteilung sollte gestaltet sein: der Mann als Krieger; die Frau soll Hort für den Krieger sein ;
[ zur Rolle der Frau bei Nietzsche ; vgl. Beitrag von Anja Wurm zum Dienen der Frau] )

Nietzsche wird von vielen insgeheim gefürchtet ;wir fürchten uns, dass er angreift; auch und vor allem hinterlistig;das sagt man ihm nach:" Zerstörter der Vernunft "(Theodor W. Adorno), bzw.'Proto-faschisisch' (Jürgen Habermas) man sagt eine dunkle Wahrheit; "sie" konnten nicht an ihm "vorbei"? Wer? Seine Apologeten und Kritiker;

Auch oft verfemt : Thomas Hobbes (Leviathan) der zentral den Staat als Institution des Objekt-Schutzes installiert und das Gewaltmonopol dem Staat zuspricht; der Autor der "Befriedung" des " Territoriums"..man irrt in Hobbes einen Verteidiger der Güter zu sehen; er setzt sich für die Besitzer ein; Menschen; und: er greift an; er setzt sich leidenschaftlich dafür ein, dass das Duell unvermeidbar ist; schätzt, dass die Griechen in der Freibeuterei einen tapferen Berufstand sahen; und er sagt Duelle müssten gesondert behandelt werden; gesetzlich regelbar sind sie ; aber er denkt: gelegentlich unvermeidbar ; er schätzte den Wert des prähistorischen Menschen: Tapferkeit; Nietzsche ebenso;

Nietzsche ; Hobbes ; jeder von beiden schätzt affektive Reaktion. Kriegerische Ideale verweisen auf Krieg; Kriege finden bei uns, so schliesst man sich gerne Sigmund Freud [ Das Unbehagen in der Kultur] an: zivilisiert statt; in politischen Diskursen oder: z.B.im Fussball etc.. sind z.B" einige meine ersten Gedanken dazu; und weiter: war es nicht früher üblich mit Schlimmeren aufeinander loszugehen? Muss dass ein "Zivilisierter" : Kämpfen?!?

Gegen-Frage : Hat sich der Charakter der Welt geändert ? hat die Evolution neue Mechanismen oder sind es die gleichen Gesetze oder hat sich nur der Rahmen geändert. ? - aber haben wir vor nichts mehr Angst, als wenn uns etwas angreift, das sich in unseren Kopf "einnistet"; Religion tut das gelegentlich ; Aber Nietzsche?!? Nach einiger Lektüre kann ich sagen; Hobbes; Nietzsche: beide greifen an; mit Worten; Nietzsche mit der Forderung der " Umwertung aller Werte" (vgl. Nietzsche: Der Antichrist, 1888, letzter Aphorismus) muss man sich (hier) vor Nietzsches Worten fürchten? Nein! Oder gar sie ehren? Vielleicht ; es wäre es "wert" über den Wert unserer höchsten Werte nachzudenken; sie neu zu hierarchisieren; nichts anderes meint er mit dem "Willen zur Macht" als die Umsetzung dieser Neu-Hierarchisierung, die Unwertung der Werte! Sehr zentrale Text-Passagen!

 Zurück zum Kriegerischen; Frage: Finden bedeutsame Kämpfe nicht heute "woanders" statt als früher ? Aber zu Nietzsches zurück und zu Foucault, der sich zentral auf Nietzsche bezieht!! Wie wertvoll sind Gedanken abgelöst davon, dass man immer einen Autor nennt? Mit dem Autor der sie sagt(e) als zentale Repräsentation des Gedankens? Ja! Man klebt am Autor - Das ist heute noch so! In der Post-Moderne; Internetzeitalter?

Foucault kannte es nicht; er, der den "Tod des Autors" verkündete; er starb 1984; wenige Monate nach meiner Geburt [Simon Reiss,Verfasser dieses Textes/Aphorismen] ; er gehört also wohl nicht zum Web 2.0, nicht zu diesem dieser Zeitalter. Zurück zum Kampf: ist er nicht unvermeidbar? Ist nun aber kämpfen nicht zentral;? Ja!! Nur: wie, wogegen, wofür! ; aber ein hoher "Wert" an sich !! Warum? Weil wir tapfer sein müssen! Die Welt ist kein Wunschkonzert; doch kämpfen die Wünsche miteinander! ; Ideen; Ideale; Ziele; Siege ; gibt es nichts, Werte, wofür es zu kämpfen lohnt?

In. J.R.R. Tolkiens Welten [ Das Silmarillon ; Nachrichten aus Mittelerde ; Der Herr der Ringe Bd. 1-3, Der kleine Hobbit] kämpfen die Helden; vor allem : gegen Drachen; und ihrem Herrn und Meister; den schwarzen Feind der Welt (Motgoth Bauglir, und Sauron, dessen höchsten Diener) ; und dass innerhalb einer Konzeption, einer  durch Materie gewordenen Wunsch-Gedanken-Welt [ vgl. J.R.R. Tolkien: Das Silmarillon m, Ainuedale] ;

Krieger singen! Wünsche tanzen! Gedanken kämpfen untereinander; wer hat das besser erkannt als Deleuze? Guattari, seine rechte Hand;? Wieder bleiben Namen; Tod des Autors heisst auch Tod Foucaults; aber es leben die Gedanken, gelöst von ihrem Wirt sind es "Gedanken, die leise auf Taubenfüßen gehen, die weltverändernd sind; um die Herrschaft auf der Erde kämpfen " (Nietzsche ; frei zitiert; Zitat leicht verändert) Viele Gedanken; auch die von Nietzsche ; er hat zentrale Einsichten formuliert ; wir sollten nicht feige daran vorbeigehen! Es leben die Gedanken !!

Simon Reiss

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