Mittwoch, 5. August 2015

Doug Aitken in Frankfurt

Ich komme aus der Ausstellung, flaues Gefühl im Magen, einmal das Hirn durchgeschüttelt. Was will man mehr, was kann Kunst mehr? Das Höchste, was Kunst kann, ist doch verwirren, aufrütteln, wachrütteln. Insofern kann man sagen, Doug Aitken hat seinen Auftrag voll erfüllt. Wenn da nicht das flaue Gefühl wäre, das Hirn wird in dieser Ausstellung nicht aufgerüttelt, sondern nur durchgeschüttelt, daher auch die leichte Übelkeit, die man nach der Ausstellung verspürt, wenn man sich, vielleicht zu lange, die Installationen anschaut.

Und wir waren nicht die Einzigen, die etwas rat- und orientierungslos durch die Räume der Frankfurter Schirn  irrten, hier kann ich natürlich nur für mich sprechen, jedoch ein Großteil dieser Losigkeiten in diesen Räumen, galt auch der Frage, soll das jetzt alles sein, will mir das jetzt jemand als Kunst verkaufen?

Auch einen Tag später, weiß ich keine Antwort darauf, insofern ist die Verwirrung durchaus gelungen, ob Doug Aitken, nicht nur die Grenzen in Außenräumen, sondern auch in Innenräumen sprengt; kann ich an dieser Stelle noch gar nicht beurteilen und tut er es nachhaltiger als etwa ein Jahrmarktshuttle.

Sphärische Klänge begleiten die Installationen, die in  verschiedenen Raumzeitdimensionen, Bilder und Filme zeigen. Während in einem Shuttle dem Gehirn vorgekaukelt wird, es befinde sich in einem Fluggerät durch den Raum und nur das Wissen, um den Ort, an dem man sich befindet, die Wahrnehmung in Frage stellt, nicht aber das Gehirn selbst, das einen kongruenten Flug wahrnimmt, sprengt Doug Aitken, die RaumZeitGrenzen und überfordert damit das, was ein Gehirn verarbeiten kann. Hier zeigt er die Parallelen unserer Zeit auf mit den ständig neuen technischen Errungenschaften, die die Auflösung der Grenzen nach sich ziehen, wie die für selbstverständlich gehaltene Auflösung des Datenschutzes, die Einführung der Totalüberwachung und der Vorratsdatenspeicherung, gegen jede Ethik und Grundgesetze, letztendlich auch die Auflösung demokratischer Werte durch die technische Entwicklung, da der Mensch orientierungslos vor den Möglichkeiten ohne (Gesetzes)Schranken steht, und diese fernab demokratischer Ethik auch nutzt.

In Doug Aitkens Räumen befindet sich nichts Großartiges, nichts kunstvoll Gestaltetes, nichts Besonderes, dass uns mit ästhetischem Empfinden oder einem Staunen zurückließe, sondern ganz normale Erdenräume, auch nur am Rande skurril, wenn z.B. eine Eule sich auf einem Federbett mit Gänsefedern berieseln lässt.

Beim Schreiben dieses Artikels merke ich, dass meine anfängliche Enttäuschung über das wenig Kunstvolle dieser Ausstellung, in Begeisterung umschlägt, über die Genialität Aitkens, genau das zu unterlassen, um die Normalität unserer Zeit zu spiegeln, die Kunst und Ethik zu Gunsten der technischen Neuerungen nahezu abgeschafft hat. Erst im Nachklang wird deutlich, warum Aitken vor allem laufende, fahrende, telefonierende, singende Menschen filmisch in seinen überflutenden Räumen darstellt.

Orientierungs- und ratlos mit leichter Übelkeit verließen wir schließlich die Ausstellung, um mit menschlichen Bedürfnissen und unseren Sinnen, die scheinbare Wirklichkeit wieder zurück zu erobern. So aßen wir am Römer ein paar Frankfurter Würstchen, die uns in Dirndln serviert wurden, aber Moment, gehören Dirndl nicht eigentlich nach München in den Oktober?

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